Zwischen Lippenbekenntnis und Haltung Elke Antwerpen Februar 1, 2026

Zwischen Lippenbekenntnis und Haltung

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Die Aufregung um Musiker Gil Ofarim ist groß. Sehr groß. Und auffällig ist dabei weniger die Tat selbst als die Frage, an der sich die Debatte immer wieder festbeißt: Was bedeutet es eigentlich, wirklich Verantwortung zu übernehmen?

Viele sagen, es gehe ihnen nicht um Schuld oder moralische Abrechnung. Ihnen fehlt etwas anderes. Sie hören Worte, die richtig klingen. Eine Entschuldigung. Ein Eingeständnis. Die Aussage, Verantwortung zu übernehmen. Und trotzdem bleibt das Gefühl, dass etwas nicht zusammenpasst.

Kaum ein Satz ist gesellschaftlich so anschlussfähig wie: „Ich übernehme die Verantwortung.“ Er klingt erwachsen und reflektiert. Doch erstaunlich oft spüren wir sehr schnell, ob dieser Satz trägt oder nur formal richtig ist. Denn Verantwortung entsteht nicht dadurch, dass wir sie behaupten. Sie zeigt sich darin, wie wir mit dem eigenen Fehler und seinen Folgen umgehen.

Mir ist eine Unterscheidung wichtig: Fehlverhalten anzuerkennen bedeutet nicht, es gutzuheißen oder zu relativieren. Ich kann einen Fehler klar verurteilen und gleichzeitig anerkennen, wenn jemand dazu steht, echte Reue zeigt und die Konsequenzen seines Handelns trägt.

Zwischen Eingeständnis und Verantwortung

Zwischen einem Eingeständnis und echter Verantwortungsübernahme liegt ein entscheidender Unterschied. Einen Fehler zuzugeben bedeutet zunächst nur, anzuerkennen, dass etwas geschehen ist. Verantwortung beginnt dort, wo jemand bereit ist, sich auch mit den Folgen des eigenen Handelns auseinanderzusetzen.

Dazu gehört, den entstandenen Schaden anzuerkennen, ohne ihn sofort zu erklären oder zu relativieren. Es bedeutet auch, auszuhalten, dass eine Entschuldigung nicht automatisch zu Vergebung führt und verlorenes Vertrauen nicht mit einem Satz zurückkehrt. Wer Verantwortung übernimmt, kann Konsequenzen akzeptieren, ohne gleichzeitig um Entlastung zu kämpfen.

Genau diese Differenz nehmen Menschen sehr sensibel wahr. Die Worte können vollkommen richtig sein und trotzdem nicht ankommen. Besonders dann, wenn auf ein Eingeständnis unmittelbar ein „aber“ folgt. „Ich habe einen Fehler gemacht, aber …“ Was danach kommt, mag sachlich stimmen. Psychologisch nimmt es dem ersten Satz häufig seine Wirkung.

Verantwortung zeigt sich deshalb weniger darin, was jemand über seine Haltung sagt, sondern darin, wie er sich verhält, wenn diese Haltung etwas kostet. Wie groß die Lücke zwischen Eingeständnis und tatsächlicher Verantwortungsübernahme sein kann, zeigt sich immer wieder in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit.

❌ Karl-Theodor zu Guttenberg sprach im Plagiatsskandal lange von Fehlern, Überlastung und handwerklichen Mängeln. Die systematische Täuschung wurde erst spät klar benannt. Der Rücktritt folgte, doch viele nahmen weniger Einsicht wahr als den Versuch, den Schaden kommunikativ zu begrenzen. Die Worte waren kontrolliert, die Haltung defensiv. Vertrauen ließ sich so nicht halten.

Boris Becker verwies im Zusammenhang mit seiner Insolvenz und späteren Verurteilung wiederholt auf Überforderung, mangelnden Überblick und falsche Beratung. Eigene Fehler räumte er ein, erklärte zugleich aber ausführlich die Umstände. Genau darin liegt das Problem: Je stärker ein Eingeständnis von Erklärungen begleitet wird, desto leichter können diese wie Relativierungen wirken.

Nicht nur bei einzelnen Personen entsteht dieser Eindruck. Auch Unternehmen verlieren Glaubwürdigkeit, wenn zwar von Verantwortung gesprochen wird, aber unklar bleibt, wer sie konkret übernimmt und welche Konsequenzen daraus folgen.

Volkswagen kündigte nach Bekanntwerden des Dieselskandals Aufklärung und Konsequenzen an. Gleichzeitig blieb die Frage nach der persönlichen Verantwortung lange Gegenstand öffentlicher und juristischer Auseinandersetzungen. Das Beispiel zeigt, wie schwer es Organisationen fällt, Verantwortung sichtbar zu machen, wenn Fehlverhalten über Strukturen und Hierarchien verteilt ist.

Deutsche Bank musste sich über Jahre mit unterschiedlichen Skandalen und erheblichen Strafzahlungen auseinandersetzen. Wiederholt wurden Veränderungen, Aufarbeitung und ein Kulturwandel angekündigt. Gerade bei einer Folge verschiedener Vorfälle entsteht jedoch ein Glaubwürdigkeitsproblem: Verantwortung wird nicht allein daran gemessen, was nach einem Fehler gesagt wird, sondern auch daran, ob sich anschließend tatsächlich etwas verändert.

Warum uns das so triggert

Was uns daran irritiert, ist häufig nicht der Fehler selbst. Es ist der Widerspruch. Jemand sagt, er übernehme Verantwortung und erklärt im selben Atemzug, warum er eigentlich nicht anders konnte. Warum die Umstände schwierig waren. Warum andere ebenfalls ihren Teil beigetragen haben. All das mag sachlich stimmen. Trotzdem entsteht schnell der Eindruck, dass die Verantwortung mit jedem weiteren Argument ein Stück kleiner wird.

Eine Erklärung kann verständlich machen, warum etwas passiert ist. Sie nimmt uns aber nicht die Verantwortung dafür ab.

In meiner Arbeit erlebe ich das regelmäßig. Führungskräfte sagen, dass sie Verantwortung übernehmen, und erklären gleichzeitig ausführlich, weshalb die Situation alternativlos war. Die Mitarbeiter hören die Worte, nehmen aber auch den Widerspruch wahr. Denn Glaubwürdigkeit entsteht nicht allein durch das, was wir sagen. Sie entsteht dort, wo Sprache und Verhalten zusammenpassen. Wie vielschichtig unser Umgang mit Wahrheit und Unwahrheit ist, beleuchte ich auch in meinem Beitrag Die ganze Wahrheit über Lügen.

Verantwortung heißt dabei nicht, sich selbst zu zerlegen oder öffentlich Buße zu tun. Sie bedeutet zunächst, den entstandenen Schaden stehen zu lassen. Ihn nicht sofort zu relativieren, kleiner zu machen oder umzudeuten. Wer Verantwortung übernimmt, muss aushalten können, dass eine Erklärung zwar verständlich macht, warum etwas geschehen ist, die Verantwortung dafür aber nicht aufhebt.

Wie gelebte Verantwortung geht, zeigen Positivbeispiele

✅ Johnson & Johnson zog im Tylenol-Fall der 1980er-Jahre die betroffenen Produkte zurück, noch bevor abschließend geklärt war, wie es zu den Todesfällen gekommen war. Das Unternehmen wartete nicht darauf, wem die Schuld zugerechnet werden konnte, sondern stellte den Schutz der Verbraucher in den Vordergrund. Verantwortung zeigte sich hier zuerst im Handeln.

✅ Auch Uli Hoeneß übernahm im Zusammenhang mit seiner Steuerhinterziehung Verantwortung für sein Fehlverhalten. Er akzeptierte das Urteil, trat von seinen Ämtern beim FC Bayern München zurück und verbüßte seine Haftstrafe. Seine Tat wurde dadurch weder ungeschehen noch weniger schwerwiegend. Aber genau hier greift die Unterscheidung, die mir wichtig ist: Man kann einen Fehler klar verurteilen und gleichzeitig anerkennen, wie jemand anschließend damit umgeht.

Was beide Beispiele verbindet, ist nicht Fehlerfreiheit, sondern die Bereitschaft, Verantwortung in konkretes Verhalten zu übersetzen. Daraus lassen sich drei einfache Leitlinien ableiten.

Drei Leitlinien im Umgang mit eigenen Fehlern

01

Erst anerkennen, dann erklären

Bevor du erklärst, wie es zu einem Fehler gekommen ist, erkenne zunächst seine Folgen an. Wer zu früh erklärt, erzeugt schnell den Eindruck, sich rechtfertigen oder entlasten zu wollen.

02

Worte durch Verhalten bestätigen

Glaubwürdigkeit entsteht dort, wo sich das Gesagte im anschließenden Verhalten wiederfindet. Besonders dann, wenn Verantwortung unbequem wird oder Konsequenzen nach sich zieht. Gerade in der Führung entsteht Verantwortung nicht durch Kontrolle, sondern durch Vertrauen und eigenen Handlungsspielraum. Mehr dazu in meinem Beitrag Zuckerbrot oder Peitsche? 

03

Vertrauen Zeit geben

Eine Entschuldigung beendet den Vertrauensverlust nicht automatisch. Dränge deshalb weder auf Vergebung noch auf eine schnelle Rückkehr zur Normalität. Vertrauen entsteht wieder, wenn dein Verhalten über längere Zeit zu deinen Worten passt.

Fehler machen wir alle. Entscheidend ist nicht allein, ob wir sie eingestehen, sondern ob unser anschließendes Verhalten erkennen lässt, dass wir ihre Bedeutung verstanden haben. Verantwortung zeigt sich nicht in einem einzelnen Satz. Sie zeigt sich darin, was danach kommt.

Auf Gil Ofarim bezogen hieße das: den entstandenen Schaden anerkennen, Konsequenzen tragen und über längere Zeit durch das eigene Verhalten zeigen, dass die Einsicht mehr ist als ein Lippenbekenntnis. Ob und wann dadurch wieder Vertrauen entsteht, entscheiden allerdings nicht diejenigen, die um Vergebung bitten. Vertrauen lässt sich nicht einfordern. Es muss neu entstehen.

Fazit

Verantwortung zeigt sich nicht darin, die richtigen Worte zu finden. Sie zeigt sich darin, was jemand bereit ist anzuerkennen, auszuhalten und zu verändern. Ein Fehler verliert nicht dadurch an Gewicht, dass wir ihn erklären. Und eine Entschuldigung stellt Vertrauen nicht automatisch wieder her.

Gerade deshalb ist echte Verantwortungsübernahme mehr als ein Eingeständnis. Sie verlangt, die Folgen des eigenen Handelns anzuerkennen, Konsequenzen zu tragen und das weitere Verhalten daran auszurichten. Erst wenn Worte und Handeln über längere Zeit zusammenpassen, wird aus einem Lippenbekenntnis glaubwürdige Haltung.

📖

Wer Verantwortung übernimmt, muss auch bereit sein, die Situation aus der Perspektive des anderen zu betrachten. In meinem Buch Empathie mit Köpfchen geht es darum, andere besser zu verstehen, typische Irrtümer über Empathie zu erkennen und Kommunikation stärker am jeweiligen Gegenüber auszurichten.

Häufige Fragen zur Verantwortungsübernahme 

Verantwortung zu übernehmen heißt, das eigene Handeln und dessen Folgen anzuerkennen, ohne sie sofort zu relativieren. Dazu gehört auch, Konsequenzen zu akzeptieren und das weitere Verhalten entsprechend auszurichten.

Vor allem dann, wenn auf das Eingeständnis unmittelbar Rechtfertigungen folgen oder Worte und anschließendes Verhalten nicht zusammenpassen. Eine Erklärung kann einen Fehler verständlicher machen, hebt die Verantwortung dafür aber nicht auf.

Bei Schuld geht es um die Frage, ob und in welchem Maß jemandem ein Fehlverhalten zugerechnet werden kann. Dabei spielen Absicht oder Fahrlässigkeit eine Rolle. Verantwortung ist weiter gefasst. Sie bedeutet, sich mit den Folgen des eigenen Handelns auseinanderzusetzen und dafür einzustehen, auch wenn der entstandene Schaden nicht beabsichtigt war.

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Business Coach | Autorin

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