Zwischen Lippenbekenntnis und Haltung Elke Antwerpen Februar 1, 2026

Zwischen Lippenbekenntnis und Haltung

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Die Aufregung um Musiker Gil Ofarim ist groß. Sehr groß. Und auffällig ist dabei weniger die Tat selbst als das, woran sich die Debatte immer wieder festbeißt. Viele sagen, es gehe ihnen nicht um Schuld. Nicht um moralische Abrechnung, sondern um etwas anderes. Um das Gefühl, dass da etwas fehlt. Sie hören Worte, die korrekt sein mögen. Aber eine Haltung, die schwer greifbar bleibt.

Kaum ein Satz ist gesellschaftlich so anschlussfähig wie „Ich übernehme die Verantwortung“. Er klingt erwachsen und reflektiert. Trotzdem spüren wir innerhalb von Sekunden, ob er trägt oder nur formal sitzt. Verantwortung lässt sich nicht behaupten. Sie stellt sich nicht über Sprache her. Man nimmt sie wahr. Oder eben nicht.

Mir ist wichtig, klar zu sagen: Ich möchte Fehler in keiner Weise gutheißen oder relativieren. Gleichzeitig kann ich sehr wohl wertschätzen, wenn jemand offen zu seinem Fehlverhalten steht, echte Reue zeigt und Verantwortung nicht nur benennt, sondern auch trägt.

Zwischen Eingeständnis und Verantwortung

Zwischen einem juristischen Eingeständnis und erlebter Verantwortungsübernahme liegt eine Lücke, die größer ist, als wir oft wahrhaben wollen. Ein Urteil anzuerkennen heißt noch nicht, sich innerlich zu stellen. Eine formale Entschuldigung ersetzt keine sichtbare Reue. Genau diese Differenz irritiert viele. Die Worte stimmen, aber sie landen nicht. Und das erzeugt Spannung.

Dieses Muster ist kein Fernsehphänomen. Es begegnet uns seit Jahren in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit.

❌ Karl-Theodor zu Guttenberg sprach im Plagiatsskandal lange von Fehlern, Überlastung und handwerklichen Mängeln. Die systematische Täuschung wurde erst spät klar benannt. Der Rücktritt folgte, doch viele nahmen weniger Einsicht wahr als den Versuch, den Schaden kommunikativ zu begrenzen. Die Worte waren kontrolliert, die Haltung defensiv. Vertrauen ließ sich so nicht halten.

❌ Boris Becker sprach im Zuge seiner Insolvenz und späteren Verurteilung wiederholt von Überforderung, fehlendem Überblick und falscher Beratung. Eigene Fehlentscheidungen wurden benannt, zugleich aber immer wieder relativiert. Die juristische Aufarbeitung folgte, doch viele nahmen weniger innere Einsicht wahr als den Versuch, Verantwortung zu erklären statt zu tragen.

Nicht nur persönliche Verfehlungen ohne erkennbare Haltung untergraben Vertrauen. Auch ganze Organisationen verlieren Glaubwürdigkeit, wenn Verantwortung erklärt, aber nicht getragen wird.

❌ Volkswagen sprach im Dieselskandal früh von Aufarbeitung und Verantwortung, rahmte das Geschehen jedoch lange als technisches oder organisatorisches Problem. Persönliche Verantwortung blieb diffus. Für viele wirkte das wie Distanzierung statt Einsicht.

❌ Deutsche Bank sprach im Zuge der jahrelangen Skandale um Zinsmanipulationen, Geldwäschevorwürfe und riskante Geschäfte wiederholt von Einzelfällen, komplexen Marktmechanismen und Altlasten. Fehler wurden eingeräumt, Verantwortung jedoch häufig strukturell verortet.

Warum uns das so triggert

Was uns daran so triggert, ist nicht der Fehler. Es ist der Widerspruch. Jemand sagt, er übernimmt Verantwortung und erklärt im selben Atemzug, warum er eigentlich nicht anders konnte. Warum Umstände schwierig waren. Warum andere ihren Teil beigetragen haben. All das mag sachlich stimmen und zerstört trotzdem Vertrauen. Nicht aus Bosheit, sondern weil Wort und Haltung auseinanderlaufen. Hier kippt die Glaubwürdigkeit.

In meiner Arbeit erlebe ich das regelmäßig. Führungskräfte, die Verantwortung übernehmen wollen und gleichzeitig erklären, weshalb die Situation alternativlos war. Teams, die zuhören und innerlich aussteigen. Instinktiv registrieren sie, wenn etwas nicht kongruent ist. Brüche zwischen Sprache und Haltung lassen sich nicht kaschieren.

Verantwortung heißt nicht, sich selbst zu zerlegen oder öffentlich Buße zu tun. Aber sie heißt, den Schaden stehen zu lassen. Ihn nicht sofort zu relativieren. Nicht kleiner zu machen. Nicht umzudeuten. Unser Nervensystem reagiert sehr sensibel auf Brüche zwischen Wort und Haltung. Fehlende Kongruenz ist schwer auszuhalten. Erst wenn Einsicht erkennbar ist, kann Vertrauen wieder entstehen.

Dass es auch anders geht, zeigen Positivbeispiele

Johnson & Johnson zog im Tylenol-Fall der 1980er-Jahre ein Produkt weltweit zurück, noch bevor die Ursache abschließend geklärt war. Keine Relativierung, kein Abwarten, keine Schuldverschiebung.

✅ Auch Uli Hoeneß zeigte Verantwortung im Fall seiner Steuerhinterziehung. Er bestritt die Tat nicht, schob keine Verantwortung auf Berater oder Umstände und akzeptierte das Urteil ohne öffentliche Rechtfertigungsschleifen. Er trat zurück und kehrte erst nach verbüßter Haftstrafe in seine Position zurück. Die Tat war nicht vergessen, aber sein Umgang damit war angemessen.

Drei Leitlinien im Umgang mit eigenen Fehlern

Erst Handeln, dann Erklären. Genau diese Reihenfolge gilt bis heute als Muster für gelebte Verantwortung und nachhaltige Vertrauensbildung. Vielleicht hilft es, Verantwortung weniger moralisch und mehr praktisch zu betrachten.

1️⃣ Nicht erklären, bevor Schaden anerkannt wurde

Fast jeder Vertrauensverlust eskaliert nicht beim Fehler, sondern in dem Moment, in dem Erklären vor Verstehen kommt. Das wirkt wie Abwehr und Selbstschutz, nicht wie Einsicht.

2️⃣ Worte und Verhalten zusammenbringen

Glaubwürdigkeit entsteht dort, wo sich Aussagen im Verhalten wiederfinden. Das gilt besonders dann, wenn es unbequem wird oder Konsequenzen nach sich zieht.

3️⃣ Zeit lassen

Vertrauen gewinnt man nicht durch Abschluss, sondern durch Aushalten. Das heißt: keine Erwartung auf sofortige Entlastung, kein Drängen auf Vergebung und keine verfrühte Rückkehr zur Normalität.

Fehler machen wir alle. Entscheidend ist nicht, ob wir sie benennen. Entscheidend ist, ob man uns abnimmt, dass wir sie wirklich verstanden haben.

Auf Gil Ofarim bezogen hieße das: weniger Erklären, mehr Anerkennen des entstandenen Schadens, sichtbar Konsequenzen ziehen und über Zeit Haltung zeigen. Nicht als PR-Strategie, sondern als nachvollziehbarer Prozess. Vielleicht entsteht dann wieder Raum für das, wofür er eigentlich steht: seine Musik.

👉 Was hat dir geholfen, nach einem Fehler Vertrauen wieder aufzubauen?

Autorin: Elke Antwerpen

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