Kennst du das Gefühl, immer wieder in ähnlichen Situationen zu landen? Vielleicht ist es jedes Mal ein anderer Chef, der dich klein hält. Eine neue Beziehung, die überraschend ähnlich endet wie die vorherige. Kollegen, die dein Vertrauen missbrauchen. Oder Konflikte, die sich anfühlen, als hättest du sie schon einmal erlebt.
Viele Menschen sprechen dann von Pech oder Zufall. Im Coaching zeigt sich jedoch häufig etwas anderes: Nicht das Drama verfolgt uns. Es sind oft unbewusste Muster, die immer wieder ähnliche Situationen entstehen lassen.
Diese Frage stelle ich im Coaching deshalb nur sehr vorsichtig. Nicht, weil sie unangenehm ist, sondern weil sie unser Selbstbild erschüttern kann. Niemand hört gern, dass wiederkehrende Probleme vielleicht mehr mit den eigenen Mustern zu tun haben als mit den anderen. Gleichzeitig beginnt genau dort häufig die eigentliche Veränderung.
Unser Gehirn wiederholt lieber Bekanntes als Gutes
Psychologisch betrachtet funktioniert unser Gehirn anders, als viele vermuten. Es sucht nicht in erster Linie nach dem, was gut für uns ist. Es sucht nach dem, was vertraut ist. Vertraut bedeutet nicht automatisch angenehm. Es bedeutet vorhersehbar. Unser Gehirn greift dabei auf Strategien zurück, die sich früher einmal bewährt haben. Das Problem ist nur: Was uns damals geschützt hat, passt oft nicht mehr zu unserem heutigen Leben.
Unser Gehirn speichert nicht die Wahrheit. Es speichert die Bedeutung, die wir einer Erfahrung gegeben haben.
Wer früh gelernt hat, sich Anerkennung über Leistung zu verdienen, übernimmt häufig auch später mehr Verantwortung als nötig. Menschen, die Ablehnung vermeiden wollten, sagen oft Ja, obwohl längst ein Nein angemessen wäre. Wer Konflikte möglichst lange aus dem Weg geht, erlebt irgendwann genau die Eskalation, die eigentlich vermieden werden sollte.
Ein Muster ist eine unbewusst gelernte Art zu denken, zu fühlen oder zu handeln, die sich in ähnlichen Situationen immer wieder aktiviert.
Gerade deshalb suchen wir die Ursache zunächst fast immer im Außen. Bei schwierigen Menschen. Bei ungünstigen Umständen. Manchmal sogar beim Schicksal. Das entlastet kurzfristig. Gleichzeitig nehmen wir uns damit jedoch den eigenen Handlungsspielraum.
Wie solche unbewussten Muster entstehen und warum sie so hartnäckig sind, erläutere ich im Beitrag Emotionale Blockaden überwinden ausführlicher.
Woran erkennst du ein wiederkehrendes Muster?
Nicht jede schwierige Erfahrung ist gleich ein Muster. Es lohnt sich jedoch aufmerksam zu werden, wenn sich bestimmte Situationen immer wiederholen.
Typische Hinweise sind:
- Du gerätst immer wieder in ähnliche Konflikte.
- Unterschiedliche Menschen lösen dieselben Gefühle in dir aus.
- Du nimmst dir fest vor, künftig anders zu reagieren, handelst aber trotzdem wie bisher.
- Nach einer Situation denkst du: „Warum passiert mir das immer wieder?”
Ein Muster bedeutet nicht, dass du schuld bist. Es bedeutet lediglich, dass dein Gehirn auf eine vertraute Strategie zurückgreift.
Warum wir unsere eigenen Muster so schwer erkennen
Genau darin liegt die Schwierigkeit. Unser Gehirn erlebt vertraute Verhaltensweisen nicht als Muster, sondern als normal. Deshalb fällt es uns leichter, die Anteile anderer zu erkennen als die eigenen.
Im Coaching beobachte ich häufig, dass Menschen ihr Umfeld sehr differenziert beschreiben können. Sie erkennen, warum andere so handeln, wie sie handeln. Sobald es um die eigenen Reaktionen geht, wird der Blick deutlich unschärfer. Das ist keine mangelnde Selbstreflexion. Es ist eine normale Eigenschaft unseres Gehirns.
Was uns vertraut ist, hinterfragen wir selten. Genau deshalb bleiben viele Muster lange unsichtbar.
Vielleicht lautet die wichtigste Frage deshalb nicht: „Warum passiert mir das immer?“ Vielleicht lautet sie: „Welchen Anteil habe ich daran, dass sich diese Geschichte immer wiederholt?“
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie unbequem diese Frage ist. Zu meinem 40. Geburtstag zerbrach für mich vieles gleichzeitig. Meine beste Freundin begann eine Beziehung mit dem Menschen an meiner Seite. Für mich brach damals eine Welt zusammen. Ich war am Boden zerstört. Für mich gab es in diesem Moment nur Täter und Opfer.
Einige Zeit später stellte mir jemand eine Frage, die ich bis heute nicht vergessen habe: „Was war dein Anteil an dieser Tragödie?“ Mein erster Gedanke war: Jetzt soll ich auch noch schuld daran sein? Erst mit großem zeitlichen Abstand verstand ich, dass die Frage gar nichts mit Schuld zu tun hatte. Sie richtete meinen Blick auf etwas völlig anderes: meinen Anteil an einem wiederkehrenden Muster. Ich ließ immer wieder Menschen sehr nah an mich heran, obwohl ich wusste, dass sie Konflikten lieber aus dem Weg gingen. Gleichzeitig erwartete ich von ihnen bedingungslose Loyalität, auch dann, wenn diese Loyalität sie selbst in einen schweren inneren Konflikt brachte.
Diese Erkenntnis sprach niemanden von seiner Verantwortung frei. Der Verrat blieb Verrat. Aber sie gab mir etwas zurück, das ich verloren hatte: meinen eigenen Handlungsspielraum. Denn mein Muster konnte ich verändern. Das Verhalten der anderen nicht.
Wenn du den Eindruck hast, dass dich bestimmte Gedanken oder Reaktionen immer wieder ausbremsen, findest du im Beitrag Wenn dein innerer Richter spricht und du ihm glaubst weitere Anregungen, wie solche inneren Muster entstehen und warum sie sich so hartnäckig halten.
Der erste Schritt besteht nicht darin, sich anders zu verhalten. Der erste Schritt besteht darin, das Muster überhaupt zu erkennen.
Stelle dir drei Fragen:
- Welche Situation wiederholt sich in meinem Leben immer wieder?
- Was ist in diesen Situationen mein typischer erster Impuls?
- Was könnte dieser Impuls früher einmal geschützt haben?
Der Blick nach innen verändert auch Führung
Genau dieses Missverständnis begegnet mir heute immer wieder im Coaching. Sobald wir über den eigenen Anteil sprechen, hören viele Menschen eine Schuldzuweisung. Tatsächlich geht es um etwas völlig anderes. Es geht um den einzigen Bereich, auf den wir wirklich Einfluss haben.
Eine Führungskraft haderte damit, dass er ständig unmotivierte Mitarbeiter habe. Als wir gemeinsam auf die vergangenen Jahre blickten, zeigte sich etwas Überraschendes. Die Mitarbeiter waren jedes Mal andere. Gleich geblieben war die Art der Führung. Ideen wurden unbewusst schnell bewertet. Verantwortung wurde bei Fehlern wieder zurückgenommen. Eigeninitiative war zwar erwünscht, fühlte sich für das Team aber nicht wirklich sicher an. Das bedeutete nicht, dass die Mitarbeiter keine Verantwortung trugen. Es zeigte lediglich, wo der größte Hebel für Veränderung lag.
Genau deshalb lohnt sich die Frage nach dem eigenen Anteil. Nicht weil andere keine Verantwortung tragen, sondern weil Veränderung immer dort beginnt, wo wir selbst Gestaltungsmöglichkeiten haben.
Muster sind keine Verurteilung
Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieses Artikels: Muster sind kein Urteil über unsere Persönlichkeit. Sie sind erlernte Strategien, die irgendwann sinnvoll waren. Manche schützen uns noch heute. Andere stehen uns inzwischen im Weg. Wer seine Muster erkennt, spricht die anderen nicht von ihrer Verantwortung frei. Er erweitert lediglich den eigenen Handlungsspielraum.
Vielleicht bist du nicht das Drama. Vielleicht trägst du lediglich ein Muster mit dir, das sich immer wieder denselben Weg sucht. Das Drama endet oft nicht dadurch, dass sich die anderen verändern. Es endet dort, wo wir unser eigenes Muster erkennen und unseren Handlungsspielraum zurückgewinnen. Und genau das ist die gute Nachricht: Wiederkehrende Muster lassen sich verändern. 😊
Fazit
Wiederkehrende Probleme sind selten Zufall. Oft folgen sie unbewussten Mustern, die uns früher einmal geschützt haben und heute unseren Handlungsspielraum einschränken. Wer den eigenen Anteil erkennt, spricht andere nicht von ihrer Verantwortung frei. Er gewinnt vielmehr die Möglichkeit zurück, künftig anders zu handeln. Genau darin beginnt nachhaltige Veränderung.
📖 Wenn dich dieses Thema beschäftigt, findest du in meinem Buch Loslassen eine ausführliche Erklärung, warum Wissen allein oft nicht genügt und wie nachhaltige Veränderung entstehen kann.
Häufige Fragen zu wiederkehrenden Problemen
Nein. Verantwortung und Schuld sind nicht dasselbe. Andere Menschen bleiben für ihr Verhalten verantwortlich. Den eigenen Anteil zu erkennen bedeutet lediglich, den Bereich zu betrachten, den du selbst beeinflussen kannst. Genau dort entsteht die Möglichkeit, etwas zu verändern.
Unser Gehirn empfindet vertraute Verhaltensweisen als normal. Deshalb bemerken wir häufig zuerst das Verhalten anderer Menschen und übersehen die eigenen Gewohnheiten. Gerade weil sich Muster vertraut anfühlen, bleiben sie oft lange unbewusst.
Ja. Muster sind erlernte Strategien und keine festen Persönlichkeitsmerkmale. Veränderung beginnt mit dem Erkennen des Musters. Dauerhaft verändert sich ein Muster jedoch erst, wenn das Gehirn neue Erfahrungen macht und lernt, dass heute andere Reaktionen möglich und hilfreich sind.
Business Coach | Autorin