Diese Frage stelle ich im Coaching nur sehr vorsichtig. Nicht, weil sie unangenehm ist, sondern weil sie unser Selbstbild erschüttern kann. Niemand hört gern, dass wiederkehrende Probleme vielleicht mehr mit einem selbst zu tun haben als mit den anderen. Gleichzeitig beginnt genau dort oft die eigentliche Veränderung.
Manche Menschen scheinen das Drama magisch anzuziehen. Immer wieder ein Chef, der sie klein hält. Immer wieder Kollegen, die intrigieren. Immer wieder Menschen, die ihr Vertrauen missbrauchen. Man könnte das einfach Pech nennen. Dem Schicksal zuschreiben oder den äußeren Umständen. Doch mit der Zeit fällt etwas auf: Die Menschen wechseln. Unternehmen kommen und gehen. Selbst die Lebensumstände verändern sich. Nur die Geschichte bleibt erstaunlich ähnlich.
Unser Gehirn wiederholt lieber Bekanntes als Gutes
Psychologisch betrachtet funktioniert unser Gehirn anders, als viele vermuten. Es sucht nicht in erster Linie nach dem, was gut für uns ist. Es sucht nach dem, was vertraut ist. Vertraut bedeutet nicht automatisch angenehm. Es bedeutet vorhersehbar. Unser Gehirn greift dabei auf Strategien zurück, die sich früher einmal bewährt haben. Das Problem ist nur: Was uns damals geschützt hat, passt oft nicht mehr zu unserem heutigen Leben.
Wer früh gelernt hat, sich Anerkennung über Leistung zu verdienen, übernimmt oft auch später mehr Verantwortung als nötig. Menschen, die Ablehnung vermeiden wollten, sagen oft Ja, obwohl längst ein Nein angemessen wäre. Wer Konflikte möglichst lange vermeidet, erlebt irgendwann genau die Eskalation, die er eigentlich verhindern wollte. Das ist kein Zufall. Es sind gelernte Muster, die sich unbemerkt immer wieder aktivieren. Ein Muster ist eine wiederkehrende Art zu denken, zu fühlen oder zu handeln, die sich unbewusst immer wieder aktiviert.
Kein Wunder also, dass unser erster Impuls fast immer derselbe ist: Wir suchen die Ursache im Außen. Bei schwierigen Menschen. Bei ungünstigen Umständen. Manchmal sogar beim Schicksal. Das entlastet zunächst. Gleichzeitig nimmt es uns aber auch den Einfluss auf das, was als Nächstes geschieht.
»Die meisten Menschen überschätzen den Anteil der anderen und unterschätzen den eigenen.«
Verantwortung beginnt dort, wo Schuld aufhört
Vielleicht lautet die wichtigste Frage deshalb nicht: „Warum passiert mir das immer?“ Vielleicht lautet sie: „Welchen Anteil habe ich daran, dass sich diese Geschichte immer wiederholt?“
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie unbequem diese Frage ist. Zu meinem 40. Geburtstag zerbrach für mich vieles gleichzeitig. Meine beste Freundin begann eine Beziehung mit dem Menschen an meiner Seite. Für mich brach damals eine Welt zusammen. Ich war am Boden zerstört. Für mich gab es in diesem Moment nur Täter und Opfer.
Einige Zeit später stellte mir jemand eine Frage, die ich bis heute nicht vergessen habe: „Was war dein Anteil an dieser Tragödie?“ Mein erster Gedanke war: Jetzt soll ich auch noch schuld daran sein? Erst mit großem zeitlichen Abstand verstand ich, dass die Frage gar nichts mit Schuld zu tun hatte. Sie richtete meinen Blick auf etwas völlig anderes: meinen Anteil an einem wiederkehrenden Muster. Ich ließ immer wieder Menschen sehr nah an mich heran, obwohl ich wusste, dass sie Konflikten lieber aus dem Weg gingen. Gleichzeitig erwartete ich von ihnen bedingungslose Loyalität, auch dann, wenn diese Loyalität sie selbst in einen schweren inneren Konflikt brachte.
Diese Erkenntnis sprach niemanden von seiner Verantwortung frei. Der Verrat blieb Verrat. Aber sie gab mir etwas zurück, das ich verloren hatte: meinen eigenen Handlungsspielraum. Denn mein Muster konnte ich verändern. Das Verhalten der anderen nicht.
Der erste Schritt besteht nicht darin, sich anders zu verhalten. Der erste Schritt besteht darin, das Muster überhaupt zu erkennen.
Stelle dir drei Fragen:
- Welche Situation wiederholt sich in meinem Leben immer wieder?
- Was ist in diesen Situationen mein typischer erster Impuls?
- Was könnte dieser Impuls früher einmal geschützt haben?
Der Blick nach innen verändert auch Führung
Genau dieses Missverständnis begegnet mir heute immer wieder im Coaching. Sobald wir über den eigenen Anteil sprechen, hören viele Menschen eine Schuldzuweisung. Tatsächlich geht es um etwas völlig anderes. Es geht um den einzigen Bereich, auf den wir wirklich Einfluss haben.
Eine Führungskraft haderte damit, dass er ständig unmotivierte Mitarbeiter habe. Als wir gemeinsam auf die vergangenen Jahre blickten, zeigte sich etwas Überraschendes. Die Mitarbeiter waren jedes Mal andere. Gleich geblieben war die Art der Führung. Ideen wurden unbewusst schnell bewertet. Verantwortung wurde bei Fehlern wieder zurückgenommen. Eigeninitiative war zwar erwünscht, fühlte sich für das Team aber nicht wirklich sicher an. Das bedeutete nicht, dass die Mitarbeiter keine Verantwortung trugen. Es zeigte lediglich, wo der größte Hebel für Veränderung lag.
Genau deshalb lohnt sich die Frage nach dem eigenen Anteil. Nicht weil andere keine Verantwortung tragen, sondern weil Veränderung immer dort beginnt, wo wir selbst Gestaltungsmöglichkeiten haben.
Muster sind keine Verurteilung
Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieses Artikels: Muster sind kein Urteil über unsere Persönlichkeit. Sie sind erlernte Strategien, die irgendwann sinnvoll waren. Manche schützen uns noch heute. Andere stehen uns inzwischen im Weg. Wer seine Muster erkennt, spricht die anderen nicht von ihrer Verantwortung frei. Er erweitert lediglich den eigenen Handlungsspielraum.
Vielleicht bist du nicht das Drama. Vielleicht trägst du lediglich ein Muster mit dir, das sich immer wieder denselben Weg sucht. Das Drama endet oft nicht dadurch, dass sich die anderen verändern. Es endet dort, wo wir unser eigenes Muster erkennen und unseren Handlungsspielraum zurückgewinnen. Und genau das ist die gute Nachricht: Wiederkehrende Muster lassen sich verändern. 😊
Autorin: Elke Antwerpen